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28. May 2019

Grundregel der Wissenschaftlichkeit | Integrative Medizin ist Esoterik? | reduktionistisches Weltbild | komplexe, dynamische und emergente Systeme

Kommentar zum Beitrag „Warum Esoterik in der Medizin nicht klappt“ vom 25.5.2019 in der Tageszeitung "Der Standard"
 

Der hier kommentierte Beitrag bezieht sich auf eine Veranstaltung die am 22.5.2019 an der Medizinischen Universität Wien stattgefunden hat. Im Speziellen bezieht sich der Beitrag des Standard auf eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Warum ist Esoterik beliebt und ein erfolgreiches Geschäftsmodell“. Aus diesem Titel geht bereits klar die Absicht hervor, alles was nicht in ein bestimmtes Weltbild passt, als Geschäftemacherei zu disqualifizieren.
Dazu wird folgender sachlich fundierter Kommentar abgegeben, der deshalb als notwendig erscheint, weil die Argumente die aus dem Beitrag des Standard hervorgehen, den Eindruck der Unsachlichkeit erwecken und bestimmte Tatsachen schlicht ignorieren. 

Der im Mittelpunkt der Veranstaltung stehende Begriff der Esoterik wird bereits a priori negativ besetzt womit allerdings gegen eine Grundregel der Wissenschaftlichkeit verstoßen wird, die eine unvoreingenommene Herangehensweise an Probleme erfordert.
So wird z.B.  in der Religionswissenschaft und der Geschichtswissenschaft Esoterik auf einer neutralen wissenschaftlichen Basis diskutiert. Der zweifelsohne vorhandene Missbrauch dieses Begriffs aus kommerziellen Zwecken in der Medizin ist daher kein unbedingtes Charakteristikum dieses Begriffs.

Auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse können zu verschiedenen, z.B. kommerziellen Zwecken missbraucht werden. Wie aus dem Kommentar des Standard abgeleitet werden kann, wird von den Teilnehmern an der Podiumsdiskussion offensichtlich alles als esoterisch klassifiziert, was nicht in das Weltbild einer mechanistischen Naturwissenschaft passt. Wissenschaftliche Fakten entwickeln sich jedoch nach F. Capra aus einer Gesamtkonstellation menschlicher Wahrnehmungen, Werte und Handlungen.

Grundsätzlich könnte daher aus Gründen der intellektuellen Redlichkeit die Frage gestellt werden, ob die reduktionistische Methode der Naturwissenschaft in der Lage ist, komplexe, dynamische und emergente Systeme zu erfassen. Die Bemerkungen erscheinen notwendig, um damit den Alleinvertretungsanspruch der Naturwissenschaft mit Ablehnung aller anderen Arten des Erkenntnisgewinns kritisch zu hinterfragen. Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen soll an dieser Stelle betont werden, dass damit keineswegs ein Freibrief für alle möglichen Unsinnigkeiten ausgestellt werden soll. 

Aus gewissermaßen „praktischer“ Sicht erscheinen aber zwei Gesichtspunkte von wesentlicher Bedeutung.
1.    Es werden sämtliche Methoden die sich nicht in ein reduktionistisches Bild einordnen lassen pauschal als esoterisch qualifiziert. Es muss aber zur Kenntnis genommen werden, dass es dabei um sehr unterschiedliche Ansätze geht für die zum Teil sehr wohl wissenschaftliche Denkgrundlagen oder Denkmodelle vorhanden sind. Beispiele dafür wären die Adaptationsphysiologie, Hormesis, Systemtheorie und Systemanalyse oder Epigenetik. Alle diese Wissenschaftsgebiete haben mit Esoterik keinen Zusammenhang. 
Nachweislich existiert auf dem Gebiet der komplementären und integrativen Medizin eine beträchtliche Zahl von wissenschaftlichen Zeitschriften, die von international renommierten  Verlagen herausgegeben werden. 

2.    Die Zahl universitärer Einrichtungen die sich auch mit komplementärer und traditioneller Medizin befassen, nimmt seit Jahren weltweit zu. Auch in Österreich bieten bereits zwei medizinische Universitäten Lehrveranstaltungen auf diesen Gebieten an. Die WHO und das NIH in den USA haben bereits seit mehr als 30 Jahren Abteilungen für komplementäre, alternative und traditionelle Medizin. Können solche nachweislichen internationalen Entwicklungen ernsthaft mit dem Pauschalurteil einer letztlich unethischen Handlungsweise disqualifiziert werden?

Fehlverhalten einzelner Personen ist kein Charakteristikum der Komplementärmedizin, sondern kann auch bei streng naturwissenschaftlich ausgerichteten Ärztinnen und Ärzte gefunden werden. 
Der internationale Trend im Gesundheitswesen geht in Richtung einer Integrativen Medizin. Alle im Gesundheitswesen Tätigen sollten ausschließlich das Wohl der Menschen im Auge haben. Dies ist allerdings kein ausschließliches Kennzeichen der Naturwissenschaft. 

Ao. Univ. Prof. Dr. W. Marktl 
Präsident der Wiener Internationalen Akademie 
für Ganzheitsmedizin
 

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